Günter Spengler, Pfarrer der Evang. Nikolaigemeinde Heilbronn

(es gilt das gesprochene Wort)

Kundgebung „Stoppt den Krieg in Palästina, Israel und Libanon, “ am 29. Juli 2006, Heilbronn
 
 

Die Bilder von zerstörten Wohnhäusern in Beirut und in Haifa und Gaza, von getöteten Menschen im Libanon und Israel und Palästina sind unerträglich. Ebenso die Berichte von zerbombten Krankenhäusern und Wasserwerken, von abgeschnittenen Fluchtwegen und unversorgten Fliehenden im Libanon. Kriege sind eine Geisel der Menschheit. Kriege sind ein Scheitern von Politik. Kriege zerstören die Gegenwart und die Zukunft. Kriege treffen in der Hauptsache unbeteiligte Zivilisten – genau wie auch jetzt.

Kein Krieg löst Probleme, sondern macht es noch schwieriger, die alten Probleme zu lösen. Dieser Krieg im Libanon wird denen Zulauf verschaffen, die bekämpft werden sollte: der Hisbollah. Diese massiven Angriffe werden die Stimmung der Weltöffentlichkeit gegen Israel aufbringen. Dieser Krieg wird politische Lösungen für die Konflikte in dieser Region noch unmöglicher machen. Krieg ist das Ende von Humanität. Es gibt keine Rechtfertigung für Kriege, die ein ruhiges  Gewissen macht. Manchmal gibt es schlimme Entwicklungen, die nicht anders gestoppt werden können als mit Gewalt. Es gibt Konflikte, die so sehr eskaliert sind, dass Auswege mit Gewalt erzwungen werden müssen. Aber auch dann ist das Töten von Menschen schwerste Schuld. Auch dann kann das einzige Ziel sein, möglichst schnell aus dem Krieg herauszukommen und politische Verhandlungen aufzunehmen. Ziel kann es nicht sein, den Krieg zu gewinnen – denn zwischen Siegern und Besiegten wird es unmöglich, Frieden zu gestalten. Ziel kann es nur sein, dass die Waffen sofort schweigen und dass Lösungen gesucht werden, die den berechtigten Interessen aller Seiten entgegenkommen.

Niemand kann sagen, wie das im Nahen Osten möglich sein soll. Zu hart sind die Gegensätze innerhalb des Libanon, innerhalb Palästinas, innerhalb Israels. Zu lange geht die blutige Geschichte zwischen diesen Ländern. Zu viele andere Staaten und gewalttätige Gruppen versuchen ihre Ideologien und Machtansprüche in dieser Region durchzusetzen. Ein Ausweg aus dieser tödlichen Spirale wäre ein Wunder. Christlicher Glaube hält daran fest: Wunder sind möglich. Auswege aus Sackgassen sind möglich. Neuanfänge nach Scheitern sind möglich. Umkehr aus falschen Ideen ist möglich. Kooperation ehemals verfeindeter Menschen ist möglich. Nur diese Hoffnung gibt Grund, nicht weiter auf Gewalt zu setzen, sondern auf politische Lösungen.

„Stoppt den Krieg“ fordern wir. Aber was ist nötig, um das zu erreichen? Und was dann, wenn der Krieg gestoppt ist?  Ich denke an viererlei:

1. Das Gewaltmonopol in Israel und Palästina und im Libanon steht dem Staat und nur dem Staat zu. Milizen und bewaffnete Gruppen müssen entwaffnet werden. Dazu scheint internationales Militär mit einem „robusten Mandat“ nötig zu sein. Dazu braucht es starke und gut ausgebildete Polizeikräfte, um Gewaltlosigkeit im Libanon und in Palästina herzustellen.

2. Israel und Palästina und Libanon müssen sich gegenseitig in verbindlich festgelegten Grenzen anerkennen, einen Gewaltverzicht erklären und durchsetzen.

3. In den Staaten Israel und Libanon und Palästina muss sich gegenseitige Achtung der Religionen und Konfessionen entwickeln. Ohne Toleranz der Religionen werden diese von politischen Gruppen für ihre Vormachtansprüche missbraucht. Alle Religionen müssen Toleranz einüben gegenüber Andersdenkenden und müssen sich entschieden gegen die wehren, die aus Religion eine Gewaltideologie machen. Gewalt hat nichts zu tun mit dem Judentum und dem Christentum und dem Islam.

4. Die drei Staaten Israel und Libanon und Palästina sind aufeinander angewiesen, um stabile Gesellschaften und leistungsfähige Wirtschaften aufzubauen. Keines dieser Länder kann sich auf Dauer auf Kosten eines anderen entwickeln. Sonst sind neue Kriege schon jetzt unvermeidlich.  Zum Beispiel muss sehr schnell eine gemeinsame Nutzung des knappen Wassers in dieser Region gelingen. Dass die drei Staaten durch eine intensive Kooperation sehr viel gewinnen könnten, ist eine einleuchtende Vision. Hoffentlich wächst diese Vision in den Köpfen sehr vieler Menschen in allen drei Staaten – denn nur dann wird es zu Schritten kommen heraus aus der Geisel des Krieges, hinein in ein Zusammenleben in Sicherheit und Gerechtigkeit und Frieden.

Was haben wir in Deutschland mit dem Nahen Osten zu tun? Die Leidtragenden des Krieges und der Terrorakte sind Menschen wie Sie und ich. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, alles politisch Mögliche – auch von Europa aus – zu tun, damit Menschenleben geschützt werden und Kinder eine Zukunft haben. Deshalb: Stoppt den Krieg jetzt. Zum anderen: Das Existenzrecht des Staates Israel muss anerkannt und gesichert werden. Wie kein anderes Volk sind Juden immer wieder verfolgt und vernichtet worden – in vielen Völkern dieser Erde. Israel ist die einzige Zuflucht, wenn irgendwo neues Unheil geschieht. Die Vernichtungsträume des iranischen Präsidenten knüpfen ausdrücklich an Hitlers Ideologie an. Auch deshalb braucht Israel unsere Solidarität, weil wir aus unserer und aus der Geschichte Europas gelernt haben, was sich entwickelt, wenn nicht den Anfängen gewährt wird. Zur Solidarität mit Israel gehört aber auch Kritik. Gehört auch der Beistand für die Menschen im Libanon und in Palästina. Zu der Solidarität gehört unsere Zuversicht, dass Friede möglich ist – auch im Nahen Osten.